Dienstag, 1. März 2011

Schönen Guten Tag!

Ich melde mich mal wieder, diesmal in amtlich plaudernd, plätscherndem Ton und erzähle dir (fühl dich geduzt!) was mir so widerfährt.

Nachts wache ich nicht mehr so oft auf, weil ich mich schon an den Lärm gewöhnt habe, nur noch ein bis zweimal werde ich geweckt.

Da in unserer Wohngemeinschaft vorwiegend aus Plastikflaschen, Dosen und Kränen getrunken wird, hat es wirklich GAR KEINEN Vorteil einen Glascontainer neben dem Haus stehen zu haben.

Was mir am Theater, also am Bühnenspiel, im Unterschied zum Film nie so gefallen hat, ist das naturgemäße Dilemma der Theaterschauspieler stets ein Publikum mit einbeziehen zu müssen und damit, wenig realitätsnah, auch bei emotional indifferenten Kurzdistanzdialogen SCHREIEN zu müssen.
Realitätsnähe ist bezugspunktabhängig.

Irgendwann etwas später klingelt dann der Wecker, so früh dass er auf jeden Fall klingeln muss, die erste Hiobsbotschaft des Tages. Warum Ich?

Die zwanzigminütige Busfahrt mit lauter Jugendlichen von Heute auf dem Weg zur Schule bessert meine Laune nicht.

Ich ziehe mir meinen Kittel an und hänge mir mein Stethoskop im Gegensatz zu den spanischen Ärzten nicht um den Hals; Der Reflexhammer wiegt schwer in meiner Kitteltasche, lässt mich hemiparetisch über die Flure wanken.

Die Ärzte unter 40 sind alle Ärztinnen, in Spanien behaupte ich mal, auf jeden Fall aber fast Alle in diesem Krankenhaus. In der Neurologie sogar auch die über 40.
Die meiste Zeit des Tages verfolge ich meine Amazonen und sehe nur deren Hacken.
Ein paar Patienten werden von mir untersucht.
Finger, Nase 1,2,3.

Wenn alle Aufnahmen auf der „planta“ gemacht sind, was eine sehr, sehr zähe Angelegenheit sein kann, darf ich noch der „Consulta“, also der Sprechstunde der Chefärztin beiwohnen, ihres Zeichens eine etwas verhärmte Solistin mit rationiertem Charme, die mich aber glaub ich mag - manchmal lächelt sie kurz.

Ist diese Sprechstunde nach einem harten Kampf: LINUS vs. UHR durchstanden, entlässt mich die etwas gebückt gehende, keinen Ehering, dafür häufig wechselnde Ketten und Armreifen tragende, modisch an den frühen Neunzigern orientierte, gestrenge Chefin mit resigniertem Hundeblick bei gleichzeitig ganz dezent ironischem Lächeln (also dezentem Lächeln mit dezentem Ironieanteil) in die Freiheit „zum studieren“. (Ironieanteil? Man kann es bei ihr nicht wissen!)
Der Hundeblick ist physiognomisch bedingt.

Wenn ich dann nach Hause komm, trink ich einen Korn.
Wenn ich einmal traurig bin! Bin ich aber nicht.
Wenn ich dann nach Hause komm, das ist zur Einordnung so ca. durchschnittlich um 13.30 Uhr - gefühlt aber manchmal schon 13.30 des nächsten Tages! – mach ich oft noch eine kleine Runde über den Mercado, der ist in Sichtweite meines Hauses, und kaufe Leckereien ein, die dann verzehrt werden, oft in familiärem Ambiente gemeinsam mit meinen Mitbewohnern:
Der bereits erwähnten Maite, die wirklich sehr viel redet, ich bin da nicht so empfindlich, aber wenn man’s eilig hat ist es grenzwertig, dem bereits erwähnten Remi und der nur angedeutet erwähnten Cecilia, einer Bolivianerin, die nicht nur optisch die Mutterrolle in unserer WG einnimmt. Sie kocht oft, putzt sehr gerne, hat auch mal mahnende Worte ( teilt aber ebenso Lob aus, z.B. wenn man mal sein Zimmer fegt) und trägt insgesamt zu unserer harmonischen Grundstimmung, der auch schon so manch netter Abend entwuchs, bei.

Das Traurige ist, dass mein Compagnon Remi bald das Weite sucht. In einer Woche ist er weg, dann gibt’s Freitags keine „ Vuelta de Cerveza“ mehr und auch keine Strandtenniseinheiten (Er hat Talent.)
Schade, auch weil er quasi mein einziger Transmitter zur Außenwelt ist, dieser umtriebige Franzose.
Bleibt zu hoffen, dass wenigstens nicht noch ein Weibsbild an seiner statt hier einzieht!
Allein unter Fremden!

Mein Leben hier, so lässt sich das zusammenfassend darstellen, ist beschaulich, unaufgeregt, eine Tretbootfahrt mit Radler und Lehrbuch.
Es gibt diese Momente wo ich wirklich sehr froh bin hier zu sein und die Zeit bewusst genieße, ohne aber.
Obwohl’s das natürlich wie immer gibt.
Die nächsten Monate werden die schönsten, meteorologisch und sonst auch, weil ja immer alles besser wird. (Für den Optimisten! Und für den Zauderer! 2:0!)

Die Lise kommt aus Ecuador zurück auf den Kontinent, genau nach Alicante, mal sehn was der zweite Praktikumsteil in der Chirurgie ab April so bringen wird, was auch immer, ich bin allgemein guter Dinge, ich muss nur noch etwas vitaler werden und zu mir selbst finden. Aber das muss ja sowieso jeder, immer.

Zum Abschluss noch mal was Erfreuliches, nämlich eine Anekdote, in der ich sehr gut wegkomme:

Fragte mich eine Freundin von Maite beim „Samstagsabend Warm up“ in großer Runde:
„ Weißt du an wen du mich erinnerst?“
Wusste ich nicht.
Dachte mir aber so was wie: „An den Nachbar meines Cousins! Wahnsinn! Eineiig! Warte, ich zeig dir ein Bild bei Facebook!“
Mein Unbehagen würde Entsetzen weichen beim Durchklicken der Fotogalerie des dysmorphen Supernerds. Die ungebetene Erläuterung, der hässliche Vogel sei „voll nett“, wäre nicht hilfreich.

„ Weißt du an wen du mich erinnerst?“
„ .....Nein...“
„ An Superman!“

Der Geräuschpegel stieg deutlich, ich reckte meine muskulöse rechte Faust gen Himmel, für einen Moment flog ich mit wehendem Umhang über den Straßen Alicantes.
Dass sie wenig später "Superman" zu „ Spiderman“ revidierte und eigentlich jenen blauäugigen Schauspieler meinte, mit dem ich nachweislich nicht die geringste Ähnlichkeit habe, konnte es auch nicht mehr versauen.

1 Kommentar:

Soehnke hat gesagt…

immer erheiternd, deine verse :)
Gruß aus der Lernhölle Gießen

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